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Bevor es richtig losgeht.
Gedanken zur Restaurierung von Fahrrädern
Datenstand ist 14.11.2011
Das ist ein "Zeitzeuge" aus den Kriegs-Jahren, ein Wanderer 1940.
Das Dienstfahrrad einer Frau die Kränze damit auf Hamburger Friedhöfe gefahren hat.
1943 wurde der Gartenbaubetrieb, wie so vieles in HH, in Schutt + Asche gelegt.
1947 wurde es dann zum Freizeitrad und für Fahrten ins HH-Umland genutzt.
1959 wurde eine (jetzt montiert) zeitgemäße Überholung getätigt.
Lenker mit Bautenzug-Stempelbremse, Licht, Sattel und Pedale erneuert.
Die Tochter fuhr das Fahrrad dann bis 1963.
Ihr Vater hat einige Teile 1973 dann wieder "zurückgebaut".
Warum ich das aufschreibe.
Bei der Instandsetzung eines alten Rades würden in 80% der Fälle die 1959 montierten
Komponenten abgebaut werden und entweder in ebay landen oder in einer Kiste.
Das Rad ist abgeschubbert und wunderbar. Es bleibt genau so.
Ich bedanke mich für die überlieferten Erinnerungen.
Mit Sicherheit mein schönster Fahrrad-Fund aus 2008!
Da gibt es nichts zu restaurieren, fahren und freuen...
Menschliche Anstrengung ist ein echtes Wettspiel mit menschlichen Fähigkeiten.
Zu viele Fahrräder sind demontiert und nie wieder zusammengebaut worden.
(frei übersetzt nach J. Pinkerton)
Die folgende Lichtanlage an dem Wittekind finde ich beeindruckend.
Wittekind Herren-Fahrrad 26er, von 1937. Rahmennummer 148193, Ramenhöhe 55 cm.
Da war ein Elektro-Bastler am Werk, Melas Dynamo, ein Mehrfachschalter an der Lampe.
Zusätzlich ein Schalter am Sattelrohr und ein Zweit-Dynamo!
Diese Anlage am Wittekind abmontiert und am eigenen rangeschraubt mag so manchen verzücken.
Das Wittekind ist dann hin.
Der Historiker macht da garnichts.
Ich bin kein Historiker, das hab ich mir nur angelesen.
Für eine historische Ausfahrt würde ich Reifen und dichte Schläuche montieren.
Dann noch alle Lager fetten und einstellen und das wars.
Bechtold Refax, ist das ein echtes Wirtschaftswunder-Fahrrad,
oder sieht es auf den ersten Blick nur jünger aus als es eigentlich ist?
Sowohl Refax- als auch Bechtold-Fahrräder wurden in den 50er Jahren konfektioniert.
Mit Sicherheit war das ab 1953 so, aus dieser Zeit stammen die hier wiedergegebenen Erinnerungen des Mitarbeiters der Firma Xaver Bechtold.
Refax-Fahrräder waren die preisgünstige Ausführung, das unten gezeigte Refax scheint also mit der 3gang Mod53 im nachhinein aufgewertet.
Bechtold-Fahrräder wurden eher mit Original-Teilen montiert wie zB. der Fichtel und Sachs Freilaufnabe.
Die Rahmen wurden laut Erinnerungen des Mitarbeiters von Kleinebenne oder auch Kalkhoff gefertigt und geliefert.
Das Wortspiel des Rad-Namens ist mir bis zum Hinweis nicht aufgefallen. REFAX umgedreht XAFER, der Gründer der Firma hieß XAVER Bechtold.
Die Firma XB hat neben dem Verkauf von Rädern Kabel konfektioniert, das geschah als Endloskabel auf Spulen in Heimarbeit.
In den Fahrrädern wurden die Kabel nach hinten durch den Rahmen geführt.
Bechtold entwickelte eine patentierte Klemme, die das Kabel am Bremsgestänge zum Vorderlicht führte. Ein Vorteil war weniger Kabelaufwand.
Wird fortgesetzt wenn mir Fragen einfallen die beantwortet werden können...
Ich bedanke mich für die obigen Erinnerungen, das Wissen und die Möglichkeit das hier abzulichten.
Als erstes fällt die Sachs Mod53 ins Auge.
Und der knapp und stramm verlegte Bremszug nach hinten.
Der Hinterbremse kommt noch eine Bedeutung zu...
Das Weltkugel-Zeichen ist weltklasse.
In diesem Stil war auch das Steuerkopschild.
Da war auch mal ein größeres ovales Rücklicht montiert.
Aufmerksame Betrachter bemerken dann den Leitbügel am Sattelstützen-Klemmbolzen.
Da lief mal eine Schaltansteuerung mit Gestänge an dem Rad!
Über diesen Leitbügel läuft sonst eine Leitkette.
Da war mal ein Oberrohr-Schalter montiert. Evtl. auch die 3gang Kettenschaltung, eine 029 wohl eher nicht...
2 Dynamos, ok kann ich einen verkaufen...
Das Rad hat eine Stempelbrems-Lochung am Schutzblech.
Der Lenker, typisch 50er Jahre Sportsgeist!
In einem Paderborner Katalog 1960/61 (50 Jahre Josef Kruse) wird diese Art "Münchener Form" genannt.
Die Mod 53 ist 54 gemarkert, ein erster Anhaltspunkt und der früheste Nachweis.
Vermutlich ersetzte der Lenkstangen-Umschalter von 1955 (ein Jahr nach dem Herstellungsjahr der Nabe) den Oberrohr-Schalter.
Übrigens: Das Lichtkabel kann an der Bremsschelle (so verlegt) irgendwann Masse bekommen.
Die Rahmenform, farbliche Erscheinung und die "zukunftsweisenden" Embleme lassen auf ein Wirtschaftswunder-Fahrrad schließen.
Das Bechtold Refax wurde mal umgebaut, das ist sicher.
Vorne und hinten Weinmann Felgenbremsen 1020, trotz Rücktritt an der Mod53.
Die hintere Felgenbremse war mit Sicherheit nicht an dem Rad.
Das Gestänge der ursprünglichen Schaltansteuerung wäre mitten hindurch gegangen. Deshalb ist die Umlenkrolle nachträglich montiert.
Die Laufräder sind aus schönen, inzwischen auch schon raren Leichtmetallfelgen und das ohne nennenswerten Schlag.
Die Herstellung des Originalzustandes wird wohl schwer, wer weiß schon wie ein Bechtold Refax mal aussah.
Laut "Markenware Fahrrad" (5000 abgebildete Steuerkopfschilder) von Herrn Papperitz:
Refax
Rottweil i. Wttbg.
um 1935 zu Bechtold
Solche Recherchen machen Spaß. Und mir als Exil-Schwabe lief das Rad sozusagen gut rein.
Ich halte mich hier lieber etwas bedeckt anstatt "noch weitere" Vermutungen zu äußern.
Wer weiß mehr als diese Bilder mir sagen?
Mein Fazit zu Thema:
Das ist alles gut und schön und diese Materie macht mir ja auch Freude.
Inzwischen vergehen oftmals viel mehr Stunden damit ein Fahrrad zu suchen (es auszusuchen) als daran zu schrauben.
Ebay ist leblos und ermöglicht dann doch wieder einen solchen Fund wie das Wanderer oben.
"Geschichten" ergeben sich durch den Kontakt mit dem Menschen der es verkauft.
Zuhause oder in der Werkstatt folgen Fotos des Fundzustandes und Notizen.
Das ist aber alles "ein Feunenschund" gegen ein eigenes Fahrrad das einen begleitet.
Und da ist das Ziel ja mit dem Rad zu fahren.
Klar ich sehe auch viel Murks an alten Rädern, aber wer ein Adler Dreigang Tretlagerschaltung als Alltagsrad fährt, bitte schön...
Zusätzlich eine 5gang Pentasport hinten einbauen, da hörts dann aber auch bei mir auf.
Zur Tretlagerschaltung eine 3gang Modell 029, sowas habe ich schon gesehen.